Einkaufszettel vor Stimmzettel?

Wer in diesen Tagen die Nachrichten über nur zäh in Gang kommende Gespräche der Parteien über eine Regierungsbildung verfolgt, mag sich wundern: bewegen sich nicht – zumindest alle aktuell im Bundestag vertretenen –  Parteien in einem letztlich recht engen Konsensfeld?

Der Gedanke an sich drängt sich auf: da die Parteien sich irgendwie in der Mitte getroffen haben und der “Öko” vom “strammen Konservativen” nicht mehr so einfach zu unterscheiden ist wie früher, haben wir eigentlich gar keine große Wahl mehr.

In einem Dossier in der “Zeit” vom 19. September 2013 wirft Wolfgang Uchatius einen Blick auf die Welt außerhalb von Parlamenten und Parteien und sieht an anderer Stelle für die Bürger erschöpfende Wahlmöglichkeiten. Am Beispiel des Betreuungsgelds macht er deutlich: die von der letzten Regierung umgesetzte “Herdprämie” kostet zwar Geld, bringt aber für weniger als einen Prozent der deutschen Haushalte einen kleinen Zuverdienst. Wenn dagegen Ikea über seine Produktion in Niedriglohnländern das dortige Einkommensniveau anhebt, betrifft dies gleich hunderttausende Menschen – und zwar unter Umständen massiv. Seine Erkenntnis: “die Politik von Ikea hat also mitunter weitreichendere Auswirkungen als die Politik deutscher Regierungsparteien. Weshalb Einkufszettel heute eine größere Wirkung haben können als Stimmzettel. Die Staatsgewalt mag immer noch vom Wähler ausgehen, die neue Wirtschaftsmacht aber geht vom Käufer aus (…).”

Das Problem dahinter ist laut Uchatius jedoch: der politische Konsum, so wünschenswert er auch erscheint mit seinen Möglichkeiten, überfordert den Einzelnen. Ob Lebensmittel oder Konsumartikel  – global differenzierte Produktions- und Zulieferungsketten lassen sich kaum nachvollziehen. Und auch für den Bereich der nachhaltigen Geldanlage findet er ein  (Negativ-)Beispiel mit einem angeblichen Nachhaltigkeitsfonds, der sich u.a. an einem Unternehmen beteiligt hat, das mittelbar am Deepwater Horizon-Desaster beteiligt war.

Neben einer sicherlich nicht abzustreitenden Überforderung des Konsumenten (und, mit Verlaub, auch immer wieder des Wählers in der politischen Welt) übersieht der Autor hier jedoch die Möglichkeiten, in Aktion zu treten. Der Konsument kann sich Expertenrat holen, er kann Biokisten abonnieren, vom Auto auf das Fahrrad (mit hoffentlich einigermaßen klaren Produktionsbedingungen) umsteigen und selbstverständlich auch sein Geld in Nachhaltigkeitsfonds anlegen, die diese Bezeichnung auch zu Recht tragen. Genau so kann der Bürger sich abseits von Wahlen im politischen Prozess engagieren, ob in Parteien oder Bürgerinitiativen. Gerade vor Ort sind Handeln und Wirkung dabei nicht voneinander losgelöst.

Wenn Uchatius letztlich dafür plädiert, der Staatsbürger möge wieder über den Konsumenten siegen, möchte man ihm zurufen: der mündige Staatsbürger möge sich dauerhaft auch im Konsumenten zeigen – und seine letztlich doch vorhandene Macht bündeln und täglich im Kleinen einsetzen!