Nachhaltigkeit im 1%-Dilemma?

In Deutschland werden 27 Millionen Schweine als Nutztiere gehalten. 5,18 Millionen davon allein in der Region Weser-Ems. 1 Prozent aller in Deutschland gehaltenen Schweine leben in ökologischer Landwirtschaft.

Nicht viel anders sieht es bei der Geldanlage aus. Der Anteil von nachhaltigen Publikumsfonds, Mandaten und sonstigen Finanzprodukten am vergleichbaren Gesamtanlagevolumen wird in Deutschland vom Forum Nachhaltige Geldanlagen auf 1,2 Prozent beziffert. In der ersten Untersuchung von 2005 waren es noch 0,3 Prozent. Vom niedrigen Ausgangsniveau ausgehend sind die Zuwachsraten zwar nicht gering – jedoch zeigt sich auch hier, was die Utopia-Gründerin Claudia Langer im Interview mit der brand eins äußerte: “Wir sind als Konsumenten einfach nicht konsequent genug, um die kritische Masse zu erreichen. Die vielen kleinen Schritte von einzelnen Gutwilligen senken das Fieber nicht wirklich, ihre Wirkung ist in der Summe noch zu klein.”

Der Schluss liegt also nahe, dass die Hoffnungen nicht allein in eine “Konsumentendemokratie” gelegt werden sollten – also in eine Masse aus aufgeklärten Konsumenten, die sich der Nicht-Neutralität ihrer Kaufentscheidungen und damit ihres Geldes in sozial-ethischen und ökologischen Belangen bewusst sind.

Wie auch? Angesichts der Vermittlermacht des Finanzdienstleistungssektors – Banken, Versicherungen, Vertriebe – die ohne Esprit und Innovationsmut alten, ausgetretenen Pfaden folgen und der kleinen Anzahl unabhängiger Nachhaltigkeitsberater sind die Alternativen für die Konsumenten zwar vorhanden – aber doch kaum sichtbar und nicht an jeder Straßenecke zu finden. Zudem sind selbst Leuchttürme des nachhaltigen Finanzwesens wie die GLS Bank im Vergleich zu mittleren regionalen Banken eher klein.

Also sollten sich Bemühungen auf die Angebotsseite konzentrieren. Aber nicht direkt auf die Anbieter selbst, sondern zunächst auf ihren politischen Regulierungsrahmen. Ganz konkret: warum können Anleger mit staatlicher Förderung (Riester-/Rürup-Rente, betriebliche Altersvorsorge) in Streubomben investieren? Als erste Maßnahme kann bei der Zertifizierung dieser Produkte auf klare Ausschlüsse wie diesen gedrängt werden. Der nächste Schritt kann der Ausschluss von Spekulationen mit Lebensgrundlagen von Menschen wie Zugang zu Trinkwasser, Landgrabbing oder Nahrungsmittel sein. Die politische Debatte kann dann noch weitere Kriterien definieren – so, wie es von Nachhaltigkeitsratings bekannt ist.

Auf diese Weise würde die Konsumentenmacht automatisch gebündelt und die Rolle der Privatinvestoren gestärkt werden. Zwingend nötig aber ist ein entsprechendes Eingreifen der Politik – abseits von Lobbyinteressen (außer denen einer nachhaltigen Zukunftsgestaltung, versteht sich) und unabhängig von Wahlumfragen.